SANKT JAKOBUS   

World Design Capital 2026

in Frankfurt und der Rhein-Main-Region

Helena Kiefer Helena Kiefer
Luzi Gross Luzi Gross

Frage: Googelt man „WDC“, erhält man einen Kontakt zur „Whale & Dolphin Conservation“. Auch interessant, aber sicher nicht das, was uns im nächsten Jahr mit der „WDC“-Kampagne ins Haus steht. Können Sie uns erläutern, was sich für Sie hinter diesen Buchstaben verbirgt?

Antwort: WDC steht für World Design Capital, eine internationale Auszeichnung der World Design Organization (WDO), mit der alle zwei Jahre eine Stadt oder Region geehrt wird, die Design als Werkzeug nutzt, um soziale, kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen voranzubringen. Für 2026 wurde die Region Frankfurt RheinMain mit ihrer Bewerbung zum Thema “Design for Democracy. Atmospheres for a better life.” ausgewählt.

Frage: Seit wann gibt es die Initiative „WDC“ eigentlich? Können Sie uns einige Metropolregionen und Städte nennen, die in der Vergangenheit „World Design Capital“ gewesen sind?

Antwort: Die erste World Design Capital war Turin 2008 (Italien). Weitere World Design Capitals waren: Seoul (Südkorea), 2010, Helsinki (Finnland), 2012, Cape Town (Südafrika), 2014, Taipei (Taiwan), 2016, Mexico City (Mexiko), 2018, Lille Metropole (Frankreich), 2020, València (Spanien), 2022, San Diego & Tijuana (USA / Mexico), 2024. 2028 wird der Titel an Busan (Südkorea) übergeben.

Frage: Was ist in Frankfurt RheinMain dieses Mal neu und anders als bisher?

Antwort: Für Frankfurt RheinMain sind mehrere Aspekte besonders: Es ist das erste Mal, dass die Auszeichnung World Design Capital in Deutschland verliehen wird und das nicht nur für eine Stadt, sondern für die gesamte Region Frankfurt RheinMain. Unser Programm beschäftigt sich mit Design und Demokratie und damit, wie Gestaltung das demokratische Miteinander und die gesellschaftliche Teilhabe stärkt. Daher haben wir auch die Programmentwicklung – Bottom Up – mit einem großen Open-Call gestartet, der für alle offen war und bei dem über die Region verteilt mehr als 1.200 Einreichungen zusammenkamen. Auch darüber hinaus beziehen wir die Stimmen der Regionaktiv , durch Kooperationen mit Institutionen, Hochschulen, Bürgerinnen und Bürgern ein. Nachhaltigkeit, Modularität und Mobilität spielen eine große Rolle, z.B. durch die Idee eines mobilen WDC-Pavillons, der in der Region unterwegs sein wird. Aber auch durch Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote für unsere Programmmacher:innen.

Frage: Was ist das besondere Thema der WDC 2026 in Frankfurt RheinMain und was soll damit in 2026 erreicht werden?

Antwort: Das Motto der WDC 2026 lautet „Design for Democracy. Atmospheres for a better life.“ Ziele sind unter anderem zu zeigen, was Design leisten kann, wenn es auf gesellschaftliche Herausforderungen trifft – z. B. wie wir zusammenleben wollen, Wandel gestalten und Demokratie lebendig halten. WDC 2026 möchte auch dazu beitragen langfristige Strukturen aufzubauen, die über das Jahr 2026 hinaus wirken: mutiges Denken fördern, gesellschaftliche Teilhabe stärken, das kreative Potential in der Region vernetzen und sichtbar machen. So kann Lebensqualität durch Gestaltung verbessert werden – in öffentlichen Räumen, im Bereich Mobilität oder Inklusion etc.

Frage: Können Sie uns exemplarisch erzählen, welche programmatischen Highlights uns im nächsten Jahr in der Region erwarten?

Antwort: Wir freuen uns insbesondere auf die vielen verschiedenen Beiträge unserer Programmmacher:innen in der gesamten Region, von grünen Pavillons, die über das ganze Jahr zu Schattenplätzen wachsen, Straßenfeste, Workshops zu verschiedenen Themen wie Gesundheit und Alter über tolle Ausstellungen bei unseren Kooperationspartner:innen wie dem Deutschen Architekturmuseum, der Mathildenhöhe in Darmstadt oder dem Walhalla in Wiesbaden bis hin zu verschiedenen Projekten von Lehrenden und Studierenden unterschiedlicher Hochschulen, die am Ende des Sommersemesters 2026, im Juli, im Museum Angewandte Kunst bei einem großen WDC-Campus ihren besonderen Auftritt haben werden. Weitere Höhepunkte sind:

● Der WDC-Hub im Museum Angewandte Kunst wird ein wichtiger Ankerpunkt in 2026: ein Treffpunkt, an dem internationale Impulse und regionale Perspektiven zusammenkommen.

● Der WDC-Pavillon, der modular, mobil und nachhaltig gebaut ist, wird von April bis September 2026 an verschiedenen Orten in der Region zu Gast sein und jeweils mit Programm-Angeboten die lokale Szene vernetzen.

● Die Open – Design Week Frankfurt RheinMain im Juni 2026, ein zehntägiges Festival, das visionäres Design aus der Region mit Impulse von außen zusammenbringt.

● Im August das Festival „Module“: interdisziplinär, mit Experimenten an der Schnittstelle von Musik, Gestaltung und gesellschaftlich relevanten Themen.

● Die sog. Policy Days im November werden sich damit befassen, wie Design Politik beeinflussen kann, begleitet von Ausstellungen, Installationen, Touren und Beteiligungsformen.

Unser gesamtes Programm ist übrigens immer aktuell auf unserer Webseite (wdc2026.org) zu finden. Oder kommt direkt per Newsletter, zu dem man sich gerne anmelden kann!

Frage: Kann Design Lebensqualität verbessern? Was hat Design mit Demokratie zu tun?

Antwort: Ja – WDC 2026 zeigt auf, wie Design Lebensqualität verbessern kann. Design formt die Umgebung, in der wir leben – ob wir uns in öffentlichen Räumen wohl fühlen, ob Mobilität funktioniert, ob Barrieren beseitigt werden und Teilhabe möglich ist. Wenn Gestaltung gut gemacht ist, dann bringt sie Zugänglichkeit, Nutzer:innenfreundlichkeit, Ästhetik, aber auch soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Inklusion. Zur Demokratie: Design kann einen Beitrag leisten, dass Demokratie nicht abstrakt bleibt. Es kann Räume und Formate schaffen, in denen Menschen mitreden und mitgestalten. Es macht sichtbar, wie wir gemeinsam leben wollen, wie Dinge reguliert, verteilt und gebaut werden. Wenn man Bürger:innen beteiligt, wenn Gestaltung transparent und offen ist, dann wirkt Design als Ermöglichung demokratischer Prozesse – partizipativ, inklusiv und reflektiert. Co-Creation funktioniert auch als soziales Korrektiv, das war nie wichtiger als in diesen Zeiten.

Frage: Frankfurt war vor 100 Jahren mit dem von Ernst May und seinen Mitarbeiter:innen betriebenen Erneuerungsprogramm nach eigenem Verständnis das Labor der praktischen Anwendungen von dem, was am Bauhaus in Weimar und Dessau gedacht wurde. Mies van der Rohe und Hannes Meyer stehen stellvertretend für luxuriöse Eleganz und sozial-visionäre Impulse durch Design. Beide wollten gesellschaftlich unterschiedliche Schichten erreichen, um die demokratische Gesellschaft der Weimarer Republik mitzugestalten. Gibt es für Sie Impulse aus dieser Zeit, die das Programm der WDC 2026 im nächsten Jahr mit prägen werden?

Antwort: Absolut – diese Zeit inspiriert uns sehr. Einige Impulse, die für uns besonders relevant sind, und die wir in WDC 2026 mitdenken: Die Idee, Architektur und Städtebau als öffentliche Aufgabe zu sehen, nicht nur als Luxuskunst, ist auch heute aktuell. Es ging darum, Wohnraum und Infrastruktur so zu gestalten, dass sie allen dienen, nicht nur wenigen. Auch Experimentierfreude, Mut zur Innovation, neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu denken – Aspekte, die in Frankfurts Geschichte stark verankert sind und uns ermutigen, auch heute neue Wege zu gehen. Wichtig sind auch soziale Aspekte: Teilhabe, Zugang für alle, gute Wohn- und Lebensverhältnisse – das, was Ernst May u.a. versuchten, war eine Form, wie Design und Stadtplanung die demokratische Aufgabe übernehmen kann. Und nicht zuletzt: die Balance zwischen Ästhetik und Funktion, zwischen Vision und Alltag – dass schöne Formen Hand in Hand gehen mit pragmatischen Lösungen, die auf Bedürfnisse reagieren.

Diese historischen Impulse dienen uns als Inspirationsquelle, aber wir adaptieren sie in heutigen Kontexten – mit Blick auf Vielfalt, Nachhaltigkeit, Klima und Globalisierung.

Frage: Was müsste für Sie im nächsten Jahr in der Region bewirkt werden, damit Sie das WDC Jahr als Erfolg über 2026 hinaus verbuchen?

Antwort: Für uns wären das u.a. dass die Initiativen und Projekte nicht nach 2026 einfach verschwinden, sondern dauerhafte Strukturen entstehen: veränderte Politiken, Netzwerke, Institutionen, die weiterarbeiten. Dass Bürger:innen sich tatsächlich stärker eingebunden fühlen – nicht nur als Publikum, sondern als Mitgestaltende. Das heißt, Barrieren überwinden bei Zugang, Verständlichkeit, Teilhabe. Dass Design in Verwaltung, Planung und öffentlicher Infrastruktur einen festen Platz bekommt – in der Stadtplanung, in der Gestaltung von öffentlichen Räumen und Mobilität, sozialem Wohnungsbau etc. Dass sich eine Kultur des Experimentierens etabliert – also auch Fehlversuche erlaubt sind und daraus gelernt wird. Und dass das Bewusstsein dafür wächst, welchen Wert und welchen Einfluss Gestaltung für Lebensqualität, Demokratie und Gemeinschaft hat – sodass Design nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als wesentlicher Bestandteil städtischer und regionaler Entwicklung angesehen wird.

Frage: Seit der Bewerbung vor 10 Jahren hat sich in der Welt vieles verändert. Manches, was damals unter den Nägeln brannte, wurde seitdem von anderen Tendenzen und Themen verdrängt. Ich vermute, das ist für die mehrjährige Planung und Vorbereitung einer so breit angelegten Aktion auch eine Herausforderung. Was nehmen Sie für sich aus der Zeit der Vorbereitung mit und worauf freuen Sie sich aktuell im Blick auf 2026?

Antwort: In der Vorbereitung haben wir vor allem mitgenommen, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben: Politische, gesellschaftliche, technologische Veränderungen sind unvorhersehbar, aber man muss lernen, darauf zu reagieren. Die Kraft der Vernetzung: Der Open-Call, Kooperationen mit Hochschulen, NGOs, Kreativen, Bürger:innen – das bringt unterschiedliche Perspektiven, neue Ideen, oft auch Lösungen, die man alleine nicht gedacht hätte – unsere Projektakteur:innen reagieren auf drängende Herausforderungen, sind in der Lage Missstände zu benennen und an konkreten

Lösungen zu arbeiten. Dass öffentliche Beteiligung nicht nur ein moralisches Ziel ist, sondern wirklich bessere Ergebnisse bringt, wenn Themen wie Überlastung, Umwelt, Inklusion, Mobilität ernsthaft berücksichtigt werden. Und dass große Visionen mit kleinen Schritten beginnen – viele Details, viele lokale Projekte und kleine Initiativen, die zusammenspielen, erzeugen Wirkung.

Wir freuen uns besonders darauf, dass 2026 sichtbar wird, wie diese gemeinsamen Anstrengungen auf der Straße, in der Region, im Alltag spürbar werden – in erlebbaren Orten, in neuen Begegnungsräumen, in dem Engagement vieler Menschen.

Frage: Gibt es zum Schluss noch etwas, das Sie unseren Leser:innen bezüglich der WDC 2026 besonders ans Herz legen möchten?

Antwort: Ja: WDC 2026 ist kein Projekt von oben, sondern eine Einladung an alle. Jede und Jeder kann etwas beitragen – ob durch kleine Initiativen, durch Nachdenken über Gestaltung im Alltag, durch Teilnahme an Events und Workshops, Kritik oder eigene Ideen. Design ist mehr als Dekoration und ein schöner Anblick: Es ist ein Werkzeug, mit dem wir unser Zusammenleben demokratischer, nachhaltiger und lebenswerter gestalten können.

Lasst uns gemeinsam aktiv werden: besucht WDC-Formate, bringt Euch ein, seid im Dialog, lernt Neues kennen. Wenn viele mitmachen, wird WDC 2026 mehr als ein Event – es wird ein Teil der Zukunft von Frankfurt RheinMain.