Kirchenchor auf der Spur einer Doppelkapelle

Kirchenchor St. Mauritius - St. Johannes auf Tagestour 2016

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Als es im Frühjahr hieß, der Kirchenchor macht auf seinem Tagesausflug Station in Lich, huschte ein kurzes verschmitztes Grinsen durch die Männerstimmen Bass und Tenor. Manche hatten schon recht konkrete Vorstellungen davon, wie der Besuch bei Ihring Melchior aussehen würde. Aber die Vorfreude schmolz sofort beim Blick auf das stramme Programm des Tages. Die Brauereibesichtigung fehlte!

Dennoch machten sich 50 Teilnehmer, darunter viele Herren, am 8.10. 2016 gut gelaunt und frohen Mutes auf den Weg. Bereits fünf Minuten vor der Zeit, um 8.25 Uhr, startete der Bus mit dem Ziel Lich. Beim Blick in den Bus konnte man schnell feststellen, dass der Tagesausflug des Kirchenchores St.-Mauritius-St.Johannes keine rein interne Veranstaltung mehr ist. Passive Mitglieder, Freunde des Chores und dessen Gesanges sowie Bekannte der Freunde mischten sich unter die Chormitglieder, sodass die Möglichkeit bestand, bisher unbekannte Menschen kennenzulernen und neue Bekanntschaften zu schließen.

In Lich angekommen wurde die Reisegesellschaft in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine nahm an einer Stadtführung teil, die andere ging notgedrungen s(c)hoppen oder ins Café. Weil um diese frühe Stunde die Landluft noch „knaggisch“ frisch war und auch Regen drohte, war die Nähe mehrerer Boutiquen und der vielen Cafés und Bäckereien sehr willkommen. Nach etwa einer Stunde wurde gewechselt. Die, die sich aufwärmen konnten, traten nun die Stadtführung an, während die bereits Geführten endlich den Aufwärmprozess beginnen konnten.

Die Besichtigung der Stadt war sehr interessant und aufschlussreich. Sie liegt ja für die Schwanheimer quasi vor der Haustür und fast jeder ist schon mehrfach daran vorbeigefahren. Viele kennen das flüssige Produkt dieser beschaulichen Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern. Dass sie niemals in einem Krieg zerstört worden war, weder im 30jährigen noch in einem der beiden Weltkriege, haben die wenigsten gewusst, aber sofort gesehen. Liebevoll restaurierte, Jahrhunderte alte Fachwerkhäuschen, eine kleine geduckte Altstadt, die seit vielen Hunderten von Jahren unversehrt dasteht, zeugen davon. Der älteste Fachwerkbau der Stadt, der besichtigt wurde, stammt aus dem 12. Jahrhundert.
Der Rundgang zeigte, dass Lich auch eine Adelsstadt war. Gutshöfe und das Schloss erinnern daran. Heute noch gegenwärtige Namen, wie der des Adelsgeschlechtes Solms, aus der der bekannte Bundespolitiker Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich stammt, tragen zur Bekanntheit der Stadt bei.

So ein Rundgang macht hungrig. Bis zur Weiterfahrt zur Burg Greifenstein war genug Zeit, dem Kaffee und Kuchen nun ein stattliches Mittagessen folgen zu lassen. Wer ließe sich eine solche Chance entgehen und somit war es kein Wunder, dass das Gasthaus mit eigener Metzgerei regelrecht Ziel einer Schwanheimer Invasion wurde. Ruck Zuck waren Lokal und kleiner Saal besetzt und die Speisekarte mindestens so interessant wie der Licher Stadtplan.
Gestärkt und gleichzeitig etwas schläfrig nahm die Reisegesellschaft wieder im Bus Platz und steuerte die etwa 50km entfernt liegende Burg Greifenstein an.

Als der Bus die Stadt Wetzlar passierte, meldete sich der frisch pensionierte Lehrer Walter Ponseck am Bordmikrofon und plauderte über den Dom zu Wetzlar, die umliegende geologische Beschaffenheit und die Entstehung des Namens der Stadt. Hier erfuhren manche der Reisenden interessante Dinge, die ihnen neu waren. Es prallten zwei zueinander passende Welten aufeinander. Die eine der Lehrenden und die andere der gerne Dazulernenden.
Beim Ansteuern Greifensteins studierten andere den Ablaufzettel, den der Vorsitzende Kurt Schneeweis bei Reiseantritt verteilt hatte. Und stießen auf den Begriff „Doppelkapelle“. Kaum einer hatte eine Vorstellung davon und prompt wurde spekuliert und der Phantasie freien Lauf gelassen. „Die is moins evangelisch und abends katholisch“, war eine der am häufigsten vermutete Ansicht. „Es könnte aber auch umgekehrt sein“, wiegelten andere ab. Sie sollten sich mächtig täuschen.

Auf der Burg angekommen - natürlich haben geschulte Augen auf dem Fußweg zwischen Bus und Burg das Café entdeckt - genoss man zu aller erst den herrlichen Ausblick. Blicke auf Taunus, Westerwald sowie die umliegenden Täler bezauberten die städtisch geprägten Augen. Der bestellten Burg-Führer wurde mit rechter Ungeduld erwartet, denn er sollte ja während seiner Führung durch die Doppelkapelle, die zur Burg gehört, alle Spekulationen über den Namen in echte Kenntnisse umwandeln. Und das tat er auch. Er erläuterte, dass die Doppelkapelle so heißt, weil sie aus zwei übereinanderliegenden Kirchen besteht.
Die untere entstand im 14. Jahrhundert im gotischen Baustil, die obere barocke etwa zweihundert Jahre später im 16. Jahrhundert. Dort werden noch heute Gottesdienste gehalten. Übrigens: Beide Kapellen sind evangelisch! Morgens und abends.
Darüber hinaus erläuterte der junge Führer die wechselhafte wie spannende Historie der Doppelkapelle und der Burg, die der geneigte Leser bei Interesse leicht im Internet nachlesen kann.
Im Anschluss an diese Führung versammelt sich der überwiegende Teil der Reisegruppe unaufgefordert im naheliegenden Café, um sich für die Weiterfahrt zum Abendessen zu rüsten.
Ein weitaus kleinere Gruppe erkundete selbständig die Burg weiter.

Zu einem gelungenen Tagesausflug gehört eine zünftige Abschlussrast.
Die gab es natürlich auch an jenem Samstag und die Reisegruppe fuhr von Greifenstein nach Runkel an der Lahn, wo man die erneut hungrigen Gäste schon erwartete. Auf dem Weg dorthin wurden einige, die ihren Blick aus dem Fenster schweifen ließen, doch recht nachdenklich. Die vielen Dörfer, die durchfahren wurden, lagen recht idyllisch da. Ja heimelig. Doch für manchen Großstädter wirkt das fast gestrig. Weit abgelegen, bäuerlich geprägt und viele davon ohne eigene Einkaufsmöglichkeiten wiesen den Beobachter auf eine vielleicht trügerische Idylle hin, die man ungern gegen das dagegen doch sehr komfortable Leben in der Stadt tauschen möchte.

Die Schlussrast im Landhaus Schaaf in Runkel-Schadekl verlief stimmungsvoll und unspektakulär bei vorbestellter Speis und Trank. Sogar das von vielen erwartete Chaos bei der Essensausgabe blieb aus. Denen, die nicht mehr so genau wussten, was sie vor sechs Wochen zum Abendessen bestellt hatten, konnte der erfahrene Reiseleiter Kurt Schneeweis weiterhelfen. Auch das trug dazu bei, dass dieser Ausflug wieder einmal harmonisch verlaufen ist und die eine oder andere Enttäuschung über die nicht stattgefundene Brauereibesichtigung vergessen ließ. Einmal mehr eine gelungene Mischung aus kulturellen und kulinarischen Genüssen.
(Alexander Safran)